Zwischen den Zeilen – Sieben Monate im Schatten
Oder: Wenn das Leben beschließt, seine eigene Geschichte zu schreiben.
Wenn das Leben seine eigene Geschichte schreibt
Es ist schon erstaunlich, wie schnell sieben Monate vergehen können. Im März saß ich noch an meinem Schreibtisch, arbeitete an der Schattenspiegelstadt und war überzeugt, dass ich meinem großen Ziel wieder ein gutes Stück näherkommen würde. Die Geschichte entwickelte sich, meine Figuren gingen ihre eigenen Wege, und irgendwo am Horizont zeichnete sich bereits das Ende meines Romans ab.
Eigentlich lief alles nach Plan. Eigentlich.
Es begann nicht mit einem großen Knall. Eher schleichend. Die Kraft ließ nach, die Gedanken wurden schwerer, und Dinge, die früher selbstverständlich waren, entwickelten sich zunehmend zu Herausforderungen. Dabei hatte ich doch eigentlich genug zu tun. Ein Roman wollte geschrieben werden. Der Alltag verlangte Aufmerksamkeit. Berufliche Verpflichtungen verschwanden schließlich nicht einfach, nur weil man gerade andere Sorgen hatte. Dazu kamen familiäre Angelegenheiten, Behörden, Banken und jede Menge Papierkram.
IManchmal hatte ich das Gefühl, dass irgendjemand ständig neue Aufgaben auf meinen Schreibtisch legte, während ich noch damit beschäftigt war, die alten abzuarbeiten. Und irgendwo dazwischen wartete die Schattenspiegelstadt. Geduldig, wie ich zunächst glaubte.
Allerdings kenne ich meine Figuren inzwischen gut genug, um zu wissen, dass Geduld nicht unbedingt zu ihren herausragenden Eigenschaften gehört. Jeff dürfte längst unruhig geworden sein. Liana hätte vermutlich versucht, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, und der Zersprungene hätte die Gelegenheit wahrscheinlich genutzt, um seine eigenen Pläne voranzutreiben.
Nur ihr Autor saß da und bekam zeitweise kaum etwas zustande. Eine ziemlich merkwürdige Situation für jemanden, der eigentlich die Kontrolle über seine Geschichte haben sollte.
Ein Marathon ohne Ziellinie
Auch abseits des Schreibtisches hatte ich mir einiges vorgenommen. Der Sport war über die Jahre zu einem wichtigen Bestandteil meines Lebens geworden. Laufen, Radfahren, unterwegs sein. Nicht unbedingt, um irgendwelche Rekorde aufzustellen, sondern weil Bewegung mir etwas gab, das sich nur schwer beschreiben lässt. Freiheit vielleicht. Oder einfach das gute Gefühl, den eigenen Gedanken für eine Weile davonfahren zu können.
Doch auch hier musste ich feststellen, dass sich der Körper nicht immer für die Pläne seines Besitzers interessiert. Aus Training wurden Pausen. Aus sportlichen Zielen wurden kleinere Etappen. Und manchmal bestand die größte Herausforderung darin, überhaupt wieder loszugehen. Es gab Versuche, wieder in Bewegung zu kommen. Manche gelangen besser, andere weniger.
Dabei wurde mir zunehmend bewusst, dass ein Marathon nicht unbedingt 42,195 Kilometer lang sein muss. Manchmal dauert er Monate. Und manchmal besteht die eigentliche Leistung nicht darin, eine Ziellinie zu überqueren, sondern überhaupt noch auf der Strecke zu bleiben.
Natürlich bestanden die vergangenen Monate nicht ausschließlich aus Schwierigkeiten. Es gab schöne Augenblicke, kleine Ausflüge, neue Ideen und gelegentlich auch Dinge, über die ich herzhaft lachen konnte. Denn selbst wenn das Leben gerade wenig Rücksicht auf einen nimmt, muss man ihm ja nicht auch noch freiwillig seinen Humor überlassen.
Ich habe Pläne geschmiedet, manche wieder verworfen und andere einfach auf später verschoben. Dabei ist mir etwas aufgefallen: Die Lust, etwas zu erleben, war eigentlich nie verschwunden. Nur die Kraft, all das umzusetzen, war nicht immer vorhanden. Ein Unterschied, den ich früher vermutlich unterschätzt hätte.
Und während ich versuchte, meinen Alltag irgendwie zu bewältigen, blieb da immer noch diese andere Welt. Eine Stadt voller Schatten und Spiegel. Eine Geschichte, die längst ein Teil meines Lebens geworden war.
Währenddessen in der Schattenspiegelstadt …
Stellen wir uns für einen Moment vor, was während meiner Abwesenheit dort geschehen sein könnte.
Jeff sitzt auf einem Stein und betrachtet missmutig seine Umgebung.
„Wie lange warten wir eigentlich schon?“, fragt er.
Ankratras hebt den Kopf. „Schwer zu sagen. Hier scheint die Zeit ohnehin anderen Regeln zu folgen.“
„Das ist mir auch schon aufgefallen“, knurrt Jeff. „Aber langsam wird es lächerlich.“
Liana betrachtet nachdenklich die Dunkelheit. „Vielleicht hat er uns vergessen.“
„Wer?“, fragt Jeff.
„Derjenige, der unsere Geschichte erzählt.“
Jeff überlegt einen Moment. „Na wunderbar. Erst schickt er uns durch diese verdammte Welt, bringt uns ständig in Schwierigkeiten, und dann macht er einfach Urlaub.“
„Ich glaube nicht, dass er Urlaub macht“, erwidert Liana leise.
Eine Weile schweigen die drei. Dann erhebt sich Jeff.
„Na gut. Dann warten wir eben. Aber wenn er zurückkommt, habe ich ein paar Fragen an ihn.“
Und irgendwo, tief in den Schatten seiner zerbrochenen Welt, wartet vermutlich auch der Zersprungene. Allerdings bezweifle ich, dass er besonders viel Verständnis für die Schwierigkeiten seines Autors aufbringen würde.
Keine Sorge, Jeff. Ich habe euch nicht vergessen.
Langsam zurück zwischen die Zeilen
Inzwischen schreiben wir Oktober. Die vergangenen Monate haben Spuren hinterlassen. Manche sind sichtbar, andere weniger. Es gibt weiterhin Tage, an denen wenig geht. Tage, an denen die Gedanken nicht so wollen wie ich, und solche, an denen selbst kleine Aufgaben erstaunlich viel Kraft kosten. Eine wirkliche Wende kann ich deshalb noch nicht verkünden.
Aber es gibt wieder Momente, in denen ich mich an meinen Schreibtisch setze und die Tür zur Schattenspiegelstadt einen Spalt weit öffne. Und manchmal gelingt es mir sogar, ein Stück hindurchzugehen.
Inzwischen ist Kapitel 74 erreicht. Vierundsiebzig Kapitel! Wenn ich daran denke, wie alles einmal mit einer Idee begann, erscheint mir diese Zahl beinahe unwirklich. Noch vor einigen Monaten hatte ich gehofft, längst fertig zu sein. Doch Geschichten halten sich bekanntlich selten an Zeitpläne. Und das Leben offensichtlich noch weniger. Nun fehlen voraussichtlich nur noch wenige Kapitel bis zum großen Finale. Die Geschichte steht. Ihr Ende ist in Sicht. Wie schnell ich dort ankomme, kann ich allerdings nicht sagen.
Auch für mich persönlich gibt es inzwischen einen Hoffnungsschimmer. Eine Rehabilitationsmaßnahme wurde bewilligt. Ich verbinde damit keine Wunder und erwarte auch nicht, anschließend wie ausgewechselt nach Hause zurückzukehren. Aber vielleicht hilft sie mir dabei, wieder etwas mehr Stabilität und Kraft zu gewinnen. Vielleicht lerne ich auch, besser mit den Grenzen umzugehen, die mir die vergangenen Monate ziemlich deutlich aufgezeigt haben.
Denn eines habe ich inzwischen verstanden: Man kann nicht jede Schwierigkeit mit noch mehr Anstrengung überwinden. Manchmal muss man sich eingestehen, dass die eigenen Möglichkeiten begrenzt sind. Das fällt mir nicht immer leicht. Schließlich bin ich jemand, der gerne etwas bewegt, Pläne schmiedet und neue Herausforderungen sucht. Aber möglicherweise gehört auch das zu dieser Geschichte. Nicht nur zu meiner eigenen, sondern vielleicht sogar zu der, die ich gerade schreibe.
Die Geschichte ist noch nicht zu Ende
Nun, meine Figuren haben lange genug gewartet. Jeff, Liana, Ankratras und all die anderen stehen unmittelbar vor den Ereignissen, auf die ihre Geschichte seit so vielen Kapiteln zusteuert. Der Zersprungene verfolgt weiterhin seine Pläne.
Und ich?
Ich werde versuchen, ihnen endlich das Ende zu geben, das seit langer Zeit in meinem Kopf existiert. Nicht mit Gewalt. Nicht nach einem selbst auferlegten Zeitplan. Sondern so, wie es eben geht.
Danach wartet die Überarbeitung des Manuskripts, die Suche nach einem Verlag und vielleicht irgendwann der Moment, in dem ich mein eigenes Buch in den Händen halte. Ein ziemlich großer Traum. Aber Träume müssen schließlich nicht aufgegeben werden, nur weil der Weg dorthin länger dauert als erwartet.
Und wer weiß? Vielleicht sitzen Jeff und seine Gefährten eines Tages tatsächlich auf den Seiten eines gedruckten Buches und erzählen ihre Geschichte.
Bis dahin bleibt mir nur, weiterzuschreiben. Kapitel für Kapitel. Zeile für Zeile. Und wenn ich zwischendurch wieder eine Pause brauche, dann ist das eben so.
Schließlich ist die Schattenspiegelstadt eine Fantasygeschichte. Und keine davongefahrene Straßenbahn, die ich unbedingt noch erwischen muss.
In diesem Sinne: Bis zum nächsten Eintrag aus der Welt zwischen Licht und Schatten.
Tom Wahlfeld
Wenn du neugierig bist, was dich erwartet:
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Die Schatten warten.
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